IGELPFLEGER GESUCHT

Gestern habe ich die Arbeitsgruppe Igelschutz in Dortmund besucht. In der Beratungsstelle werden schwache und kranke Igel auf Verletzungen untersucht, von Ungeziefer befreit, gewogen und in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt medizinisch versorgt. Obwohl das Team um Beate Dinslage wirklich alle Hände voll zu tun hatte, bin ich herzlich empfangen worden und fühlte mich (trotz Kamera) zu keiner Zeit als ungebetener Gast. Sämtliche Fragen wurden freundlich und kompetent beantwortet. 

Von der Untersuchung, über die Abstimmung der weiteren Vorgehensweise und deren sorgfältige Dokumentation durfte ich mir alles genau anschauen und habe viel Interessantes über Igel gelernt. Mir ist aufgefallen, dass ich selbst nicht genau wusste, welches Futter die stacheligen Gesellen bevorzugen. Igel essen Äpfel – sieht man ja in fast jedem Bilderbuch – stimmt aber nur bedingt. Zwar würden sie diese im äußersten Notfall auch verspeisen, suchen in der Nähe des Fallobstes aber vorrangig nach Würmern und Insekten. 

Auf gar keinen Fall dürfen Igel mit Milch, Essensresten, rohem Fleisch, rohen Eiern, Kartoffeln oder Gemüse gefüttert werden. Für gelegentliche Besucher im Garten eignen sich beispielsweise ungewürztes Rührei oder Dosenfutter für Katzen und Hunde (ohne Gelee/Soße).

Wird ein verletzter oder unterernährter Igel gefunden, sollte er bis zur Kontaktaufnahme mit der Beratungsstelle warm gehalten und in einem luftdurchlässigen, ausreichend großen Karton mit Deckel untergebracht werden, der mit Zeitungspapier und Küchenrolle ausgelegt ist. Bitte kein Stroh, Heu, Holzwolle oder Sägespäne verwenden.

Schon lange vor Beginn der Igelsaison sind die Mitglieder des Vereins fleißig damit beschäftigt, hunderte Schlafhäuschen zu bauen und Futtervorräte zu kochen. Seit Mitte September 2018 wurden bereits knapp 700 Igel von der Arbeitsgruppe versorgt. Da es sich ausdrücklich nicht um eine Auffangstation handelt, sind die ehrenamtlichen Helfer darauf angewiesen, dass die Finder die Tiere selbst zum Tierschutzzentrum bringen und nach ausführlicher Beratung in ihren eigenen vier Wänden pflegen, bis die Igel ihr Zielgewicht für den Winterschlaf erreicht haben.

Leider fühlen sich viele Menschen nicht dazu in der Lage, sich für einen absehbaren Zeitraum um ein hilfsbedürftiges Tier zu kümmern. Die Ausreden sind dabei so vielfältig, dass eigens hierfür ein Plakat im Eingangsbereich aufgehängt wurde, dessen Text ich am Ende dieses Beitrags gerne wiedergebe. Nach meinem persönlichen Eindruck ist vielen Findern gar nicht bewusst, dass ein Teil der Aufgabe nur darin besteht, auf eine „schlafende Kiste“ aufzupassen.

Die Versorgung eines halbwegs gesunden Tieres beansprucht gerade mal zehn Minuten am Tag. Das ist, gemessen an der sinnfreien Zeit, die man täglich am Smartphone verschwendet, nun wirklich nicht viel. Junge Igel, die zu Beginn des Winterschlafs weniger als 500 Gramm wiegen, werden diesen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überleben und benötigen daher unsere Hilfe. Wie sich jeder denken kann, hatten „Socke“ und „Igor“ deutlich bessere Chancen, von ihren Findern wieder mitgenommen und liebevoll umsorgt zu werden als die vielen namenlosen Exemplare, die am gestrigen Abend ohne Aussicht auf eine Pflegestelle abgegeben wurden. Igel, die nicht vermittelt werden können, bleiben nicht im Tierschutzzentrum, sondern werden unter den Mitarbeitern aufgeteilt und mit nach Hause genommen. Bei drei Tagen in der Woche und bis zu dreißig Igeln pro Schicht kann man nachvollziehen, dass die Kapazitäten schnell erschöpft sind.

Wie ich erfahren habe, werden manche Kartons einfach außerhalb der Öffnungszeiten vor die Tür gestellt und die darin befindlichen Igel ihrem Schicksal überlassen. Dabei muss man als ungeübter Finder überhaupt keine Angst haben, mit einem kritischen Fall allein gelassen zu werden. Die persönlichen Erfahrungen werden bei der Vermittlung selbstverständlich berücksichtigt. Es ist sogar möglich, einen Igel abzugeben und dafür einen anderen, pflegeleichteren mitzunehmen. Auch „Urlaubs-Igel“ suchen übergangsweise für 1-2 Wochen ein warmes Zuhause und werden danach vom bisherigen Pfleger zurückgenommen.

Natürlich werden nicht nur kleine Igel eingeliefert, die von ihrer Mutter zurückgelassen wurden, sondern auch Tiere mit offenen Wunden, denen traurigerweise nicht mehr zu helfen ist. Gestern habe ich hautnah miterlebt, wie viel Zeit, Verantwortung, Organisationstalent, Stressresistenz und Durchhaltevermögen das Engagement der Arbeitsgruppe erfordert. So schnell man sich in die kleine Kugel mit den dunklen Knopfäuglein verliebt – so schnell holt einen die Realität wieder ein, wenn man einsehen muss, dass das dreibeinige Igelkind kaum eine Überlebenschance hat, da die Fehlhaltung zwangsläufig Entzündungen zur Folge haben wird und damit einen qualvollen Tod bedeutet.

ES WERDEN DRINGEND

IGELPFLEGER GESUCHT


Die Arbeitsgruppe sucht nicht nur helfende Hände für den Einsatz im Tierschutzzentrum. Primär geht es darum, fürsorgliche Menschen zu finden, die einen Igel zu Hause aufnehmen und einmal täglich

  • wiegen (Gewicht notieren),
  • füttern (sauberen Napf mit frischem Futter und Wasser bereitstellen) und
  • die Auslaufkiste nebst Schlafhaus reinigen (Zeitungspapier austauschen).

Bis der Igel kräftig genug ist, muss er bei Zimmertemperatur gehalten werden. Bei erkennbarer Schlafbereitschaft (z.B. zusätzliches Auspolstern des Nestes und reduzierte Nahrungsaufnahme) ist die Behausung an einem trockenen, kalten Ort im Garten, auf dem Balkon oder im Keller aufzustellen. Wichtige Hinweise und umfangreiche Erläuterungen zur Pflege, Überwinterung und späteren Auswilderung findet man auf der Internetseite der Arbeitsgruppe, in der kostenlosen Igelschutz-Broschüre und im Notfall auch telefonisch.

zur Website der

Arbeitsgruppe Igelschutz Dortmund


Lieber Igelfinder,

es zeugt schon von viel Charakter, dass Sie den kleinen „Stachelritter“ aufgehoben und hierher gebracht haben. Nun stellt sich natürlich die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Da wir im Jahr (ehrenamtlich) ca. 1.000 bis 1.500 Igel betreuen, wird Ihnen klar sein, dass wir nur die kranken und schwachen Tiere vorübergehend aufnehmen können. Also sollte der „Findling“ möglichst bei Ihnen bleiben. Natürlich nach ausführlicher Beratung. Sollte dies nicht möglich sein, bitten wir Sie darum, wenn möglich, auf die folgenden Ausreden zu verzichten:

Ich bin berufstätig.

Sind wir auch alle.

Ich habe kaum Zeit.

Haben wir auch nicht – und wird auch nicht benötigt.

Ich habe einen Hund.

Ja und? Wir auch.

Ich habe eine Katze. 

Also, bitte. Siehe oben.

Ich habe Angst vor Flöhen und Ungeziefer.

Dagegen unternehmen wir sofort etwas.

Ich habe Kinder. 

Das stört den Igel nicht weiter, wenn die Kinder ihn in Ruhe lassen.

Und das bekommen sie jawohl hin.

Ich traue mir das nicht zu. 

Jetzt aber mal nicht so ängstlich! Wir helfen mit Rat und Tat.

Ich habe das noch nie gemacht. 

Siehe oben und auch wir haben mal klein angefangen.

Ich habe keinen Platz.

Wie? Keinen Platz für zwei Umzugskartons?

Dann sind Sie wirklich arm dran!

Ich fahre in den Urlaub.

Sei es Ihnen gegönnt!

Aber wenn man sich bemüht, findet man jemanden, der einspringt.

Eventuell helfen wir auch dabei.

Mein Partner möchte das nicht. 

Überdenken Sie Ihre Beziehung.

Ich habe Angst vor Ansteckung irgendwelcher Krankheiten durch den Igel.

Das Risiko ist bei normaler Hygiene sehr gering.

Eher steckt der Igel sich bei uns an.


Also, wenn schon Ausreden, dann doch bitte etwas origineller! Sonst wird uns noch langweilig und das wäre doch eigentlich schade. Oder?

Ihr Team von der Arbeitsgruppe Igelschutz



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