MEERESFORSCHUNG IM SAUERLAND

Wenn ich darüber nachdenke, dass Raum und Zeit aus dem Nichts entstanden sein sollen, kann ich das ebenso wenig akzeptieren, wie die Erschaffung des Universums durch den lieben Gott. Meine Überlegungen enden also immer damit, dass mein Bewusstsein mit dem Ende meiner Vorstellungskraft kollidiert und ich den Drang verspüre, mich schleunigst wieder mit etwas anderem zu beschäftigen. Ob es Zufall oder Schicksal gibt, kann wohl jeder nur für sich selbst beantworten.

Üblicherweise fotografiere ich mit Verschlusszeiten in Sekundenbruchteilen. Um den Verlauf eines kleinen Baches etwas lebendiger darzustellen, wollte ich eine Langzeitbelichtung mit 25 Sekunden ausprobieren. Für ein Foto also wirklich eine lange Zeit.

Die Spuren des tragischen Hochwassers waren überall deutlich zu erkennen. Was früher ein friedliches Rinnsal mit moosbewachsenen Ästen und kleinen Farnen war, muss zeitweise ein mehrere Meter breiter Fluss gewesen sein, der mit unbändiger Wucht zahllose Felsbrocken und ganze Bäume mit sich gerissen hat.

Da in der Natur genügend Material vorhanden war, hatte ich auf die Mitnahme eines Stativs verzichtet und im Geröll nach einem großen, flachen Stein Ausschau gehalten, den ich als Unterlage nutzen konnte.

Ein geeignetes Exemplar hatte ich schnell gefunden. Bildausschnitt gewählt, Kamera eingestellt und mein behelfsmäßiges Stativ in Position gebracht. Insgeheim hatte ich ja schon gehofft, hier einen jüngst zutage geförderten Schatz zu finden, aber damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. In dieser Schlucht liegen tonnenweise lose Steine und ich greife ausgerechnet dieses ganz besondere Stück heraus:

Keine Ahnung, was ich bis dato geglaubt habe, wo man Fossilien findet. In Höhlen? An der Küste? Jedenfalls nicht direkt vor meinen Füßen, mitten im Wald. Wie ich später von einem versierten Paläontologen erfahren habe, handelt es sich bei meinem obigen Fund um eine sedimentäre Ausfüllung einer Einzelkoralle aus der Gruppe der Rugosa.

Etwas weiter aufwärts habe ich ebenso unerwartet wunderschöne Abdrücke von Trochiten gefunden. Es handelt sich dabei um Stielglieder von Seelilien (Crinoiden), die als kleine zylindrische Segmente erhalten geblieben sind.

Meine Funde stammen aus dem Unter-/Mitteldevon und sind damit rund 400 Millionen Jahre alt. Wow! Da kommt mir nicht nur die 25 sekündige Langzeitbelichtung vollkommen absurd vor, sondern meine gesamte Existenz.

Und genau das liebe ich an der Natur. Sie zieht mich immer wieder aus dem eintönigen Strudel an alltäglichen Banalitäten, relativiert manch unbedeutendes Ärgernis und vermag auf vielfältige Weise zu zeigen, dass der Mensch ganz sicher nicht die Krone der Schöpfung ist, auch wenn einige das von sich persönlich glauben mögen.

Eigentlich war ich ja gerade dabei, Schmetterlingsforscher zu werden, aber als kauziger Fossiliensammler würde ich mich bestimmt auch gut machen. Unnötig zu erwähnen, dass ich gleich am nächsten Tag schauen musste, ob ich nicht noch mehr finde.

Zuerst habe ich wieder Abdrücke von Trochiten gefunden, die ich mit gebührendem Stolz schon ganz alleine bestimmen konnte. Während meine Kamera wieder irgendwo im Bach stand und mehr oder weniger eigenständig fotografiert hat, habe ich nach weiteren Erfolg versprechenden Steinen Ausschau gehalten. Mein Blick fiel auf ein Bruchstück mit einem quer verlaufenden Riss. Vorsichtig habe ich die beiden Hälften voneinander getrennt und nicht schlecht gestaunt, als dieses merkwürdige Gebilde zum Vorschein kam:

Mit fachmännischer Unterstützung weiß ich nun, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit der Steinkern eines geradschaligen Kopffüßers (Cephalopoden) ist.

Die ursprüngliche kalkige Schalensubstanz des Gehäuses ist verwittert, man erkennt aber noch deutlich die einzelnen Kammern des sogenannten Phragmokons und den Übergang zur Wohnkammer.

Was hier wie ein versteinerter Eichhörnchen-Vorrat aussieht, ist eine Anhäufung von muschelähnlichen Armfüßern (Brachiopoden), von denen manche Arten bis heute existieren.

Selbst der Fund des Heiligen Grals wäre für mich weniger aufregend gewesen, als diese fossilen Meeresbewohner, die seit Hunderten von Jahrmillionen in den Schichten des Rheinischen Schiefergebirges schlummerten. Diese Steine haben etwas Magisches und lassen meine Gedanken in eine vollkommen andere Welt abtauchen. Nicht selten habe ich auf dem Rückweg das Gefühl, ich sei eine Ewigkeit weggewesen.

Nach und nach habe ich unterschiedlichste Arten von Fossilien gefunden, an denen ich etliche Male ahnungslos vorbeigelaufen bin. Zu meinen bisherigen Favoriten zählt diese Zusammenschwemmung von Crinoidenstielgliedern, die ihre hübsche rostrote Färbung den Eisenerz-Vorkommen zu verdanken hat und damit eine weitere geschichtsträchtige Station auf meiner kleinen Zeitreise ist.

Und wieder einmal hat mein Lieblingswald seinem Namen alle Ehre gemacht. Obwohl ich dort seit sechs Jahren regelmäßig unterwegs bin, entdecke ich immer wieder etwas Neues. Oder eben sehr, sehr Altes…



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