VON HERZBLUT UND MUT

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie hilflos und verzweifelt ich war, als wir im August 2019 ein verwaistes Hasenkind auf unserem Betriebsgelände gefunden haben. Nachdem es einige Zeit vor dem Rolltor gesessen hatte und meinen Kollegen sogar in die Lagerhalle gefolgt ist, stand fest, dass es Hilfe benötigt. Durch sein auffälliges Verhalten war schnell klar, dass es eigentlich noch gesäugt wird und großen Hunger hat. Niemand wusste, was zu tun ist und niemand wollte etwas falsch machen.

Zum Glück hat man in solchen Situationen ja immer einen Kümmerer. Nämlich mich. Mein Beschützerinstinkt war aktiviert und der Rest der Welt musste jetzt einfach mal warten.

An dieser Stelle, ein ganz großes Dankeschön an meinen Chef, der bei Herzensangelegenheiten immer sehr verständnisvoll und unkompliziert ist.

In den frühen Morgenstunden hatten weder Tierarztpraxen noch lokale Tierschutzorganisationen geöffnet. Die wenigen, die ich telefonisch erreicht habe, konnten (wollten) leider nicht helfen. Nach etlichen, größtenteils erfolglosen Telefonaten und notdürftiger Recherche im Internet konnten wir den kleinen Hasen immerhin so lange am Leben halten, bis wir endlose 6 Stunden später den herbeigesehnten Kontakt erhalten haben.


Damals habe ich mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passiert. Ich habe begonnen, mein Wissen zu erweitern und kenne heute viele liebe Menschen, die mir in einer solchen Situation zur Seite stehen würden.

Mit meiner Mitgliedschaft im Tierschutzverein Hagen und Umgebung e.V. bin ich nun noch einen Schritt weiter gegangen, weil ich selbst aktiv helfen möchte. Allem voran den Tieren, aber eben auch den Findern, die vielleicht genauso überfordert sind, wie ich es seinerzeit war.

Da Wildtierstationen alle Hände voll zu tun haben, bleibt oft keine Zeit, sich auch noch um das menschliche Wohlergehen zu kümmern. Es ist dann leider häufig so, dass man als Finder nicht mehr erfährt, was aus dem Fall geworden ist. Das ist einerseits schade, andererseits vollkommen nachvollziehbar und richtig so. Auch ich weiß bis heute nicht, ob mein kleiner Hase überlebt hat, aber er hat Großes bewirkt und ich werde ihn niemals vergessen.

Ich bin dankbar für jeden, der nicht wegschaut und sich um ein krankes, verletztes, hilfsbedürftiges oder entlaufenes Tier kümmert. Wer aus Scheu oder gebotener Vorsicht nicht selbst eingreifen kann oder bereits ein Tier gesichert hat, sollte den Fall bitte umgehend melden. Gerade Wildtiere sind sehr sensibel und brauchen fachkundige Betreuung. Damit es kein Rennen gegen die Zeit wird, ist es wahnsinnig wichtig, sich UNVERZÜGLICH an eine seriöse und kompetente Stelle zu wenden und keinesfalls zu versuchen, das Problem durch eigenständiges Herumprobieren zu lösen.

Es ist wirklich verneigenswert, was ehrenamtliche Tierschützer tagtäglich leisten und immer wieder versuchen, das Unmögliche möglich zu machen. Zwischen Beruf, Privatleben und anderen Herausforderungen nehmen sie unzählige Anrufe entgegen, helfen Tieren aus misslichen Lagen, veranlassen medizinische Untersuchungen, organisieren Pflegestellen, sammeln und verteilen Spenden oder vermitteln ein liebevolles Zuhause.

Sie sind da, wenn nicht mehr alles süß und toll ist, sondern Geduld, Entschlossenheit und starke Nerven gefragt sind. Ich möchte zeigen, dass man auch als kleines Zahnrad im Getriebe einen bedeutenden Beitrag leisten kann. Nicht jeder ist aus zeitlichen, gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Gründen in der Lage, Herkulesaufgaben zu vollbringen. Manchmal reicht es aber schon, einen Transport zu übernehmen oder einen Kuchen für eine Veranstaltung zu backen, um andere zu entlasten.

Mein gestriger Einsatz war in sofern besonders, als dass ich erstmals „auf der anderen Seite“ stand und einen 3-4 Wochen alten Igel von einer Finderin entgegengenommen habe, um ihn zu einer Pflegestelle zu bringen. Wie man auf dem Bild erkennen kann, war er bereits sehr schwach und es ist ungewiss, ob er überleben wird.

Offen und ehrlich gesagt, war ich lange Zeit zu feige, mich aktiv für den Tierschutz einzusetzen, denn nicht jeder Einsatz endet mit einem Happy End. Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass das gute Gefühl stets überwiegt, wenn man im Rahmen seiner Möglichkeiten zumindest versucht hat, einem Tier in Not zu helfen.


WICHTIG

Feldhasen bauen keine unterirdischen Gänge, sondern leben in flachen Mulden (sog. Sassen) auf Feldern und Wiesen. Die Jungen können bereits von Geburt an sehen und sind mit ihrem dichten Fell gut gegen Wind und Wetter geschützt. Da sie Nestflüchter sind, suchen sie sich bereits nach kurzer Zeit ein eigenes Versteck. Zum Schutz vor Beutegreifern hält sich die Häsin immer nur kurz bei ihrem Nachwuchs auf. Dass Junghasen alleine sind, ist also ganz normal und meist kein Grund zur Sorge.

Wenn keine offensichtlichen Verletzungen erkennbar sind oder das Tier unmittelbar in Gefahr ist, darf keinesfalls eingegriffen werden. Wer dem zuwiderhandelt, macht sich nicht nur der Jagdwilderei nach §292 StGB strafbar, er riskiert mit seiner gut gemeinten Rettungsaktion leider oftmals das Leben des Tieres.

Hunde sind während der Brut- und Setzzeit an der Leine zu führen. Selbst wenn der Hund Rehkitze und Junghasen nicht jagt oder verletzt, kann sein bloßer Geruch in ihrer Nähe bereits schlimme Folgen haben.



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