Meine Artgenossen hinterlassen leider weniger erfreuliche Spuren im Wald. Was mich heute ziemlich traurig gemacht hat, war die Erkenntnis, dass Tiere die nutzlos herumliegenden Baumschutzspiralen für essbar halten. Ich habe so viele wie möglich davon aufgesammelt und entsorgt. Da manche Stellen aber nur schwer zugänglich sind, werde ich wohl im Herbst nochmal mein Glück versuchen.



Radius: keine 15 Meter


NACHTRAG
vom 28. Oktober 2020
Ich habe mein Versprechen gehalten und heute alle aufgesammelt, die ich damals nicht mitnehmen konnte.



Die Plastikteile müssen dort jahrzehntelang gelegen haben, da das witterungsbeständige Material bei unsanfter Behandlung in kleinste Teile zerbröselt ist. Einige waren nahezu vollständig von einem dichten Moosteppich bedeckt, andere konnte ich nur mit Mühe aus dem Wurzelgeflecht der inzwischen stattlich gewachsenen Bäume befreien. Ich will gar nicht wissen, wie viele im Laufe der Zeit schon vom Erdboden verschluckt worden sind. Zeitaufwand ca. 3 Stunden, gesammelte Menge ca. 650 Stück.
… und wer jetzt glaubt, das sei schon alles gewesen:
NACHTRAG
vom 18. Dezember 2020
Forstfläche 2 von 3




Zeitaufwand ca. 4 Stunden
gesammelte Menge ca. 360 Liter
Überwiegend Baumschutzspiralen und ein riesiger Haufen Draht.

NACHTRAG
vom 24. März 2021
Überstundenfrei. Ich hatte da noch was zu erledigen…
Forstfläche 3 von 3

Um es mit den Worten eines großartigen Naturfotografen zu sagen:
NICHT AN WUNDERN FEHLT ES UNS, SONDERN AN DER FÄHIGKEIT, DIESE ZU SEHEN.
Vincent Munier
Aus der Ferne wirkt mein Lieblingswald wie jede andere forstwirtschaftlich genutzte Fläche. Unscheinbare Monokulturen, die allenfalls für einen spießigen Sonntagsspaziergang mit wenig Abenteuerpotenzial taugen. Wer aber mit einer intakten Sinneswahrnehmung gesegnet ist und sich für die heimische Flora & Fauna begeistern kann, wird dort eine traumhaft schöne Landschaft vorfinden, die mit ihren Wiesen, Bachläufen und Felsen nicht nur zahlreichen Vögeln, Insekten und Reptilien einen Lebensraum bietet.
Von meiner Begegnung mit dem Dachs, der in der Morgendämmerung einen Hang entlang schlenderte, habe ich hier schon berichtet. Im vergangenen Frühjahr tauchte unmittelbar vor mir ein Fuchs auf. Er hatte mich nicht bemerkt und wandte seinen Blick unentwegt in die entgegengesetzte Richtung. Wie versteinert stand ich mitten auf dem Weg und hielt den Atem an. Mein Herz schlug bis zum Hals, als kurz darauf zwei Welpen zum Vorschein kamen. Es war Ende April. Vermutlich hatten sie den Bau vor wenigen Tagen zum ersten Mal verlassen. Überglücklich und voller Überzeugung, dass mir so etwas bestimmt kein zweites Mal im Leben passieren würde, erschien mir dieser Augenblick wie eine Ewigkeit. Erwartungsgemäß blieb meine Anwesenheit aber nicht allzu lange unentdeckt und die Fähe verschwand fauchend mit den Kleinen unter einem Holzstapel.
Die Schauermärchen über aggressive Wildschweine haben mir immer etwas Unwohlsein bereitet, bis kürzlich eine ganze Rotte zügig und vollkommen friedlich den Weg überquerte. Natürlich sind sie unberechenbar, nach meiner Erfahrung aber ebenso scheu und keine angriffslustigen Bestien. Es kommt auf die jeweilige Situation an, in der man auf ein solches Kraftpaket trifft und ob es sich bedroht fühlt. Ich für meinen Teil werde weiterhin mehr Angst vor Menschen als vor Tieren haben, wenn ich alleine im Wald unterwegs bin.
Mittlerweile habe ich mir ein solides Wissen angeeignet, kann viele Spuren bestimmen und freue mich jedes Mal wie ein Kind, wenn ich etwas Neues finde. Dazu gehören auch schaurige Funde wie Knochen, Schädel oder Kadaver. Die Natur ist schonungslos, real und unverfälscht. Kein Spaziergang gleicht dem anderen und ich sehne mich immer öfter danach, in diese wahrhaft „wundervolle“ Welt zu entschwinden.
Ich habe diesem Wald so viele erholsame und unvergessliche Momente zu verdanken, dass ich 2017 begonnen habe Glasscherben, rostige Metallteile, Luftballons, Zigarettenstummel und allerlei Verpackungsmüll zu sammeln. Wie viel Unrat ich seitdem die Hügel heraufgeschleppt habe, kann ich nicht mehr sagen. Dabei waren mir die über mehrere Hektar verstreuten Baumschutzspiralen schon länger ein Dorn im Auge. Als ich dann vor einigen Monaten das erste Exemplar mit deutlichen Kauspuren in der Hand hielt, gab es kein Zurück mehr.
Mir war klar, dass mein Vorhaben einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Zwar wusste ich, welche Gebiete betroffen waren, mit welcher Menge ich es aufnehmen würde, war aber ungewiss. Letztlich war es auch egal, da mir mein idealistischer Eifer ohnehin keine andere Wahl ließ:
GANZ ODER GAR NICHT.





Zugegebenermaßen war ich manches Mal der Verzweiflung nahe. Hinter jedem Strauch und unter jedem Blatt habe ich das spiralförmige Teufelszeug gefunden. HILFT JA NICHTS, EINER MUSS ES JA MACHEN… so habe ich unermüdlich weitergesammelt, damit die armen Tiere bei der Nahrungssuche keine scharfkantigen Plastikstücke mehr verschlucken.


Heute habe ich mich sogar selbst übertroffen. In fünf Stunden sind noch einmal zehn randvolle 60-Liter Säcke zusammengekommen.

Auf dem Hinweg habe ich einen netten Herrn getroffen, der erzählte, dass die Bäume vor 49 Jahren gepflanzt wurden. Wenn ich überlege, wie lange sich niemand dafür interessiert hat und dass ich für meinen Einsatz nicht mehr als ein müdes Lächeln erwarten kann, bin ich schon etwas geknickt. Macht aber nichts. Ich würde es ohne zu zögern wieder tun und ein wenig Eigennutz war schließlich auch dabei. Ich kann jetzt fröhlich durch den aufgeräumten Wald wandern.

