NEUE WEGE

Der Kahlschlag hat mich im wahrsten Sinne des Wortes auf neue Wege geführt. Wären die Bäume nicht gefällt worden, hätte ich mir vermutlich keine Brennnesseln angeschaut und die vielen bezaubernden Schmetterlingsraupen entdeckt.

Diese kleinen faszinierenden Lebewesen haben mich voll und ganz in ihren Bann gezogen und es hat mir große Freude bereitet, sie mehrere Wochen lang in ihrem natürlichen Lebensraum studieren zu können. Im Schutze eines Aerariums wären mir wohl so manche Erkenntnisse im Hinblick auf Witterungseinflüsse, Fressfeinde, Verletzungen und Parasiten entgangen.

Je länger ich die Formen- und Farbenvielfalt dieser Tiere betrachte, desto schöner finde ich sie. Giftgrüne Raupen mit leuchtend blauem Stachel, geheimnisvolle Puppen, die sich kaum von vertrockneten Pflanzenteilen unterscheiden oder Falter mit markanten Augenflecken, die mit geschlossenen Flügeln plötzlich unsichtbar werden. Tarnung, Täuschung und Warnung sind raffinierte Mechanismen, die man in der Welt der Schmetterlinge besonders häufig antrifft und auf die ich mehr als einmal selbst reingefallen bin. Es war ein spannender und amüsanter Zeitvertreib, die Falter in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstadien zu suchen, zu fotografieren und zu bestimmen. Für alle Aufnahmen habe ich ein Makro-Objektiv verwendet, was bei leichtem Sommerwind mit Brennnesseln im Gesicht nicht immer einfach war, aber aus meterweiter Entfernung kann das ja jeder. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass Zitronenfalter weniger schreckhaft sind, als andere Weißlinge.

Distelfalter, Waldbrettspiel und Mauerfuchs konnte ich ebenfalls sichten, aber noch nicht vernünftig vor die Linse bekommen. Ist aber nicht weiter schlimm, denn der Reiz besteht ja auch ein bisschen darin, meine Sammlung nun Jahr für Jahr zu erweitern.

Die mit Abstand größte Überraschung hat mir dieses Tagpfauenauge bereitet. Gedanklich hatte ich das Bild schon aussortiert, bis ich in letzter Sekunde bemerkt habe, dass ich eine sensationelle Beobachtung festgehalten habe: Da habe ich doch tatsächlich ein Weibchen bei der Eiablage fotografiert und nichts von meinem Glück geahnt. Ich war so sehr vom Schuppen-Mosaik der Flügel fasziniert, dass ich das wesentlich imposantere Highlight erst zu Hause am Bildschirm entdeckt habe.

Wenn ich mir das Foto jetzt anschaue, frage ich mich allerdings, wie ich das übersehen konnte. Als plausibelste Erklärung kam mir eine verhängnisvolle Wissenslücke in den Sinn. In meiner bis dato einzigen Schmetterlingslektüre heißt es zwar:

NACHTS, IM MONDSCHEIN, LAG AUF EINEM BLATT EIN KLEINES EI.

Eric Carle – Die kleine Raupe Nimmersatt

es steht aber nirgends, wie es wohl dahin gekommen ist.

Merke: Schmetterlinge, die sich auf den Futterpflanzen der Raupen niederlassen und ungewöhnlich ruhig verhalten, sind entweder frisch geschlüpft oder kümmern sich gerade um ihre Nachkommen.

Mittlerweile bin ich überzeugt, dass auch dieser Kleine Fuchs aus meinem ersten Beitrag gerade im Begriff war, Eier abzulegen. Heißt also, ich Trottel hatte gleich zweimal die Gelegenheit, dieses Schauspiel beobachten zu können und hätte sogar zweifelsfrei gewusst, von welcher Art die winzig kleinen Eier stammen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen.

Je mehr ich weiß, desto mehr sehe ich und je mehr ich sehe, desto mehr weiß ich. Bis zur nächsten Generation habe ich nun ausreichend Zeit, mich mit Wirtspflanzen und Standortfaktoren vertraut zu machen und mein autodidaktisches Wissen zu vertiefen. Mit meiner bisherigen Ausbeute bin ich aber schon mehr als zufrieden:


Tagpfauenauge


Admiral


Distelfalter


Kaisermantel


Landkärtchen


Zitronenfalter


Brauner Waldvogel (Schornsteinfeger)


C-Falter


Großes Ochsenauge


Taubenschwänzchen


Kleiner Fuchs


Dunkelgraue Nessel-Höckereule


Braunwurz-Mönch


Parasiten und Verletzungen

Der Duft blühender Brennnesseln wird mich noch an den Sommer 2021 erinnern, wenn ich alt und klapprig bin. Wenn alles gut geht, sitze ich dann in meinem Schaukelstuhl, blättere in meinem selbstgestalteten Waldbuch und denke an die vielen schönen Momente, die ich hier erleben durfte.



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